Coaching und Telemedizin statt Insulin

Coaching und Telemedizin statt Insulin

Von |2018-11-06T11:14:48+00:00November 5th, 2018|Unkategorisiert|0 Kommentare

DITG erfolgreich mit Kombinationstherapie für Menschen mit Diabetes Typ 2.

Früher hatten Ärzte Zeit – Zeit, mit ihren Patienten zu sprechen und deren Situation kennenzulernen. Aufbauend auf detaillierten Informationen zu Erkrankung, Lebensstil und sozialem Umfeld trafen Mediziner die Entscheidung über die geeignete Therapie und verfolgten den Verlauf. Heute jedoch ist die Arbeitsbelastung der Leistungserbringer enorm hoch, und ihre Zeit ist knapp. Hier kann Technologie helfen – aber nur, wenn ihr Einsatz von kompetenten Fachkräften definiert und begleitet wird. Hier setzt das Rundum-Angebot der Digital Health Group (DGG) an. Zur DGG gehören die Unternehmen medulife, DITG – Deutsches Institut für Telemedizin und Gesundheitsförderung – und die Management Gesellschaft BCS bestcaresolutions.

Menschen mit Diabetes Typ 2 können ihren Gesundheitszustand maßgebend durch eine Veränderung ihres Lebensstils beeinflussen – so lautete die These von Prof. Dr. med. Stephan Martin. Er vertrat sie zu einer Zeit, in der die Annahme vorherrschte, dass eine erfolgversprechende Therapie auf Insulinisierung zu beruhen hat. Das bisherige System bindet Hausarzt, Diabetologen, Disease-Management-Programme, Ernährungsschulungen, Bewegungstherapie etc. ein – aber bei meist dauerhafter Erhöhung der Insulingabe. Dieser enorme Aufwand ohne Verbesserung des Outcomes wird bezahlt durch die Kostenträger.

Seinen Ansatz untermauerte der Chefarzt für Diabetologie am Verbund der Katholischen Kliniken Düsseldorf und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) erfolgreich durch internationale Studien. Das Pharmaunternehmen Böhringer Ingelheim erfuhr von diesen Ergebnissen und kontaktierte den Gesundheitsmarkt-Experten Bernd Altpeter mit der Frage, ob sich hieraus ein Angebot im Markt positionieren ließe. Diese Frage nach der ökonomischen und medizinischen Evidenz des Ansatzes von Stephan Martin – der non-pharmakologischen Verbesserung des Zustandes von Menschen mit Diabetes – war der Ausgangspunkt für die Gründung des DITG.

Das DITG – eine Erfolgsgeschichte

Die Gründung erfolgte im März 2013 durch Altpeter und Prof. Dr. Martin als wissenschaftlichem Leiter. Anfangsziele waren Forschung und eine mögliche Operationalisierung von Ergebnissen; „an die Entwicklung von Software dachte damals keiner von uns“, erinnert sich Geschäftsführer Altpeter. Böhringer Ingelheim finanzierte die erste Studie des DITG. Seit zwei Jahren gibt es einen Kooperationsvertrag.

Die randomisierte klinische Studie wurde durchgeführt mit 100 Menschen, die seit mehr als elf Jahren an Diabetes Typ 2 litten. Es handelte sich um Patienten im Alter von durchschnittlich 60 Jahren, die mit Pharmazeutika therapiert worden waren. In die Kontrollgruppe wurden ebenfalls 100 Patienten eingeschlossen.

Mit Lifestyle-Veränderung gegen Diabetes Typ 2

Die Teilnehmer der Interventionsgruppe erhielten Blutzuckermessgeräte und ein strukturiertes Coaching über 12 Monate. Die Studie brachte für diese Gruppe die erwarteten Ergebnisse: Mit einer Lebensstil-Veränderung lässt sich Typ-2-Diabetes signifikant bekämpfen – fast 30 Prozent der Teilnehmer erzielten eine klinische Remission. „Über die gesamte Population der Studie ließ sich die Insulingabe um fast 50 Prozent reduzieren“, freut sich Altpeter. Die Ergebnisse zum Wirkungsnachweis ebenso wie zum ökonomischen Nutzen wurden in der US-Fachzeitschrift Diabetes Care publiziert. Altpeter weiter: „Obwohl der Verbrauch auch oraler Antidiabetika bei Anwendung dieses Ansatzes sinkt, möchte die Pharmaindustrie aktiv werden – sie hat erkannt, dass Outcome-based Management eine wachsende Bedeutung bekommt“.

Die Therapie bringt eine wirtschaftliche, leistungsbezogene, fachliche, infrastrukturelle und prozessbezogene Komponente mit sich

Deutlich wurde bei der forscherischen Arbeit: Der Grenznutzen von Self-Management und Self-Tracking ist sehr früh erreicht – also hilft eine Digitalisierung ohne begleitende Betreuung nicht bei Zielgruppen, die nicht intrinsisch motiviert sind … insbesondere nicht bei Chronikern im Altersdurchschnitt von 60 bis 80 Jahren, die 50 Prozent aller Menschen mit Typ-2-Diabetes in Deutschland ausmachen. Daher nahm das DITG zur Studie als Fragen bei der Anamnese – neben medizinischen Aspekten und dem Kommunikationsverhalten – auch die IT-Affinität auf. „Für die Festlegung des Einsatzes von Technologie ist die ganzheitliche Betrachtung der Person ausschlaggebend“, betont Altpeter. Der Einsatz digitaler Lösungen erfolgte entsprechend in personalisierter Form.

Für die Erfassung und Übermittlung von Blutzucker-Messdaten stellte das DITG Geräte verschiedener Hersteller und schloss sie an eine Portallösung an. Wichtig dabei ist laut dem Geschäftsführer: Die Übertragung der Daten muss automatisiert ohne Aufwand geschehen.

Bei der Digitalisierung nicht alle Zielgruppen über einen Kamm scheren! Bei jungen Leuten ist IT-Einsatz eher erfolgversprechend. Aber 50 Prozent aller Menschen mit Diabetes Typ 2 sind über 60 Jahre alt und keine „digital Savvies“.

Zentrale Ergebnisse aus der Forschungsarbeit

„Der Erfolg einer Therapie beruht zur Hälfte auf Führung“, erklärt Altpeter eine zentrale Folgerung aus der Studie. Früher geschah die persönliche Patientenführung durch den Zeiteinsatz des Arztes; dieser kannte auch die soziale Situation und konnte gezielt auf Bedürfnisse eingehen. Arbeitsdruck und Mangel an Zeit erfordern heute neue Methoden. „Die geeignete Alternative ist strukturiertes Coaching per Telefon mit einer zuständigen Fachkraft, über drei Jahre fortgeführt; es zeigt die größte Nachhaltigkeit – größer als alle allein technologisch gestützten Methoden“, unterstreicht der DITG-Geschäftsführer.

Das DITG heute

Seit diesen Anfängen hat das DITG als Teil der DGG seine Aktivitäten ausgebaut und vorangetrieben. Das Angebot umfasst heute Beratung, Konzept, Studie, Realisierung des Lifestyle-basierten Ansatzes mit telemedizinischer Unterstützung in der Praxis, Erfolgscontrolling und die Weiterentwicklung von Software.

Altpeter: „Die DITG-Outcomes sind messbar besser als bei anderen Therapien und führen zu 30 Prozent Aufwandsreduktion bei Leistungserbringern. Dank dieser Ergebnisse haben wir uns zum Marktführer entwickelt – mit der Kombination von Coaching und Technologie“. Nach der Durchführung von Coachings über internes Personal ist das Geschäftsmodell inzwischen neu: Das Coaching geschieht jetzt als Leistung über die Ärzte. Statt Call Center-Personal ist der Ansatz, hierfür Krankenschwestern und weiteren Fachkräften Heimarbeitsplätze anzubieten.

Statements von Patienten belegen – sie fühlen sich „abgeholt“ mit ihrem individuellen Bedarf. Emanzipieren, motivieren und schulen als Teil der Coaching-Aufgabe – darin besteht weiter großer Nachholbedarf. „Menschen mit Diabetes Typ 2 suchen nach Hilfestellung, ihr Leben neu zu sortieren“, so Altpeter weiter.

Das DITG engagiert sich inzwischen in einem Projekt des Innovationsfonds, hat zwei private Kassen als Auftraggeber und hat eine führende Rolle beim Go-to-market für das Telefon-Coaching eingenommen. „Wir bieten nun auch die Zertifizierung der teilnehmenden Praxen an, entwickelt mit dem Bundesverband der Diabetologen und der Deutschen Diabetes Gesellschaft“, sagt Altpeter. „Diese Outcome-Gewährleistung als Leistungsversprechen mit Leitlinienkonformität ist noch nie dagewesen.“

Verträge betrachtet der Geschäftsführer als ausschlaggebend für die Umsetzung der Leistung: Sie sind äußerst komplex und beruhen auf dem Paragraphen140 des Versorgungsvertrags des SGB V. Diabetologen und Kostenträger und Abrechnungshäuser sind in den jeweiligen Vertrag eingebunden. „Versicherer verlieren übrigens keine Morbi-RSA-Kodierung, weil Therapieergebnisse als klinische Remission und nicht als Heilung bewertet werden“, so ein Hinweis Altpeters an interessierte Kostenträger. Bis Ende 2018 rechnet er mit der Anbindung von 200 bis 300 Praxen mit mehreren tausend Patienten.

Die Reaktion des Marktes

Stolz ist Altpeter auf die Prämiierung des DITG im Silicon Valley als bestes europäisches Startup im Diabetes-Kontext. In den USA gibt es eine Vielzahl an Diabetes-Apps, sie bringen aber kaum therapeutische Effekte – weil sie nicht mit Coaching kombiniert werden.

Auch hierzulande hat der alleinige IT-Einsatz zu Therapiezwecken seinen Zenit überschritten, beobachtet der Geschäftsführer. Coaching als Kernelement von Therapien ist im Vormarsch – auch dank des Engagements des DITG.

Spannende Perspektiven

„Wir expandieren mit unseren Partnern weiter – zum Vorteil für alle“, fasst Altpeter seinen Ausblick zusammen. Die nächste Software-Generation wird Mobilität einbinden und sektorenü

bergreifend sowie interdisziplinär die Integration unterstützen. Die portalgestützte „Care Coordination“ wird im kommenden Schritt auch nicht diagnostizierte Auffälligkeiten beinhalten; sie wird Blutzucker-Werte verfügbar machen und Ärzte mit Informationen zu Behandlungsphasen und Medikation versorgen, wodurch eine aktive Steuerung möglich wird. Social Media wird für Pflegende und Angehörige verfügbar, Menschen mit Diabetes können ihre Coachingtermine selbst beantragen – so die Planung.

Bernd Altpeter, Geschäftsführer DITG: Halten Sie sich auf dem Laufenden über die Firmen-Neuaufstellung und Internationalisierung!